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Platzhalter smallZusätzlich zu ihren europäischen Festival-Shows haben ANTHRAX einige Headliner-Hallen-Gigs dazu gebucht, eine davon findet abermals in Saarbrücken statt. Bereits zum vierten Mal beehren ANTHRAX damit die saarländische Hauptstadt, in der es an diesem Sonntag nicht weniger warm ist wie in anderen deutschen (Groß-)Städten (einigen Berichten zufolge sogar am wärmsten! Anm. d. R.). Entgegen der Plakate sollte an diesem Abend aber einiges anders sein, so ist weder der erwartete Schlagzeuger am Start noch die erwartete Vorband.

DOUBLE CRUSH SYNDROME

Vorband sind nämlich nicht etwa THE RAVEN AGE, wie auf der „Among The Kings“-Tour, sondern die Mühlheimer DOUBLE CRUSH SYNDROME. Die Band um Sänger und Gitarrist Andy Brings (ex-SODOM) präsentiert an diesem Abend ihre schwer punkige Musik, die so gesehen nicht unbedingt schlecht zum außergewöhnlichen Thrash-Metal des Hauptacts passt.

Der ex-SODOM-Klampfer outet sich gleich zu Beginn als großer ANTHRAX-Fan („Among The Living – Tour 1987, Freunde!“) und macht dem Publikum gleich deutlich, dass alle nur ANTHRAX sehen wollen, aber dass man für die nächsten 30 Minuten dennoch Freunde sein kann.

Der Mix aus Rock’n’Roll, Glam- und Punk-Rock kommt beim Publikum zunächst nur in den ersten Reihen an. Die hochtrabenden und teils arrogant wirkenden Ansagen von Brings helfen da anfangs wenig: „Dankeschön und auch Bitteschön!“, „Ihr seid geil und wir sind geil, das weiß ich.“, „Ich weiß genau, was ihr alle denkt und es ist mir scheißegal.“. Dennoch hat er auch das gewisse Etwas und wirkt zuweilen sehr selbstironisch. Die Songs sagen mir nicht alle zu, wobei „And They Say We Are The Freaks“ und „Die For Rock’n‘Roll“ ziemliche Bretter sind. Vermutlich liegt das einfach an der schon recht hohen Temperatur und dem Warten auf ANTHRAX.

Nichtsdestotrotz liefern DOUBLE CRUSH SYNDROME ein klasse Konzert, rocken was das Zeug hält, und Andy Brings motiviert das Publikum bis zum Umfallen. Das was der Zuschauer hier in 30 Minuten geboten bekommt, gibt es bei manch 90-minütigen Shows nicht. So läuft Andy bei „Die For Rock’n’Roll“ sogar schnell durchs Publikum und erfreut sich an größer werdenden Reaktionen. Während des Konzertes mutiert der Andy-Brings-Spruch „Wer bleibt denn an so einem Abend zuhause um Tatort zu schauen, wenn er das hier haben kann?!“ zu einer Art Running-Gag, der sich bis zu den letzten Reihen des Saals ausbreitet. Von dort ertönt es laut „Doppelfolge!“ auf die Frage, wer lieber zu Hause wäre, um die deutsche Krimi-Reihe zu verfolgen.

Nach 30 Minuten ist aber Schluss. Es verwundert niemanden, dass es an diesem Abend nicht das letzte Mal ist, dass wir Andy Brings sehen. Die Band begibt sich relativ zügig selbst ins Publikum, um den Hauptact wie früher mit zu erleben. Dabei wird Andy Brings beim großen Finale sogar noch als Crowd-Surfer über die Menge getragen.

 

DoubleCrushSyndrome DoubleCrushSyndrome

Setlist DOUBLE CRUSH SYNDROME

She`s A Pistol
Yeah! Pain!
On Top Of Mt. Whateverest
And They Say We Are The Freaks
Blood On My Shirt
Can't You Be Like E. E. 
Die For Rock'n'Roll
Gimme Everything
Revolution

ANTHRAX

Indianerschmuck? Schwülwarmes Wetter? Ein Moshpit, der einem Regentanz ähnelt, um genau diesen für etwas Abkühlung heraufzubeschwören? Willkommen bei einem ANTHRAX-Gig! Wobei Joey Belladonna zumindest den Indianerschmuck an diesem Abend zuhause ließ und stattdessen passend zu den arktischen Temperaturen mit einer ANTHRAX-Wollmütze „Indians“ trällert.

ANTHRAX eröffnen ihr Set gleich mit einem Thrash-Gewitter der Klasse „Nackenbrecher“ und feuern drei Klassiker ins Publikum. Die Fans wissen es zu schätzen, und es ziehen sich die ersten Mosh-Pits durch den Raum. So verteilt sich der Schweiß schön, und für am Rande Stehende gibt es etwas frischen Wind, womit sich die Hitze besser ertragen lässt. Die ist aber spätestens nach dem Opener sowieso egal, und die ganze Halle singt und mosht was das Zeug hält. Genau so und nicht anders sollte es bei einem ANTHRAX-Gig zugehen. Auch die beiden neueren Songs, die folgen, reihen sich überraschend gut in die Klassiker-Riege der Band ein, was bei „Fight 'Em 'Til You Can't“ bereits mehrfach unter Beweis gestellt wurde. Dennoch soll es für diesen Abend der einzige Song von „Worship Music“ bleiben. „Breathing Lightning“ vom aktuellen Album ist live stärker als auf Platte und wird optisch gut inszeniert, in blauem Scheinwerferlicht steht Scott Ian am Drum-Podest und macht beim Instrumental-Intro eine extrem gute Figur. Auch wenn diese längeren Intros für ANTHRAX eher untypisch sind, macht die Band an diesem Abend mehrfach Gebrauch davon, beim Hören von „For All Kings“ fiel mir das gar nicht so sehr auf. Allerdings arbeitete die Band auch früher schon mit Intros, was nach dem nächsten Klassiker „N.F.L.“, bei dem der ganze Saal bebt, deutlich wird. Der Setlist-Ausreißer des Abends von „Persistence Of Time“ wird nämlich ebenfalls mit einem fast vergessenen „Intro To Reality“ eingeleitet. Eine sehr schöne Abwechslung, und auch wenn Joey bei „Belly Of The Beast“ etwas textunsicher wirkt, drückt der Song ohne Ende.

Mit „Medusa“ spielt die Band anschließend den zweiten und letzten Song für diesen Abend von „Spreading The Disease“, tatsächlich fällt „A.I.R.“ aus dem Set. Eine Tatsache, die mich etwas ratlos zurücklässt. Darauf folgend gibt es noch ein schönes S.O.D.-Instrumental, bevor die Band mit „Blood Eagle Wings“ einen weiteren Song der aktuellen Platte spielt. Auch dieser entfacht live deutlich mehr Energie und offenbart einige astreine Mitsing-Parts, die stark an die Achtziger erinnern.

Anthrax Anthrax

Und in ebenjene Phase begeben wir uns anschließend für das große Finale, einen Ausflug zur „State Of Euphoria“, der wirklich euphorisch gefeiert wird. Speziell „Antisocial“ natürlich, das dem gesamten Saal sämtliches konsumiertes Bier innerhalb von wenigen Minuten aus dem Körper treibt. Das große Finale kommt anschließend deutlich schneller als erwartet, dafür aber umso härter. „Cry For The...“, mehr muss Belladonna gar nicht sagen, und prompt entfachen ANTHRAX einen Mosh-Pit vor dem Thrash-Herrn. Scott Ian muss nicht einmal zum War-Dance aufrufen, das Publikum zelebriert den Song, als gäbe es kein Morgen. Den gibt es sicher, die erhoffte Abkühlung in Form von etwas Regen brachte der Regentanz (Sofern ein Kriegs-Tanz auch als Regentanz gewertet werden kann. Anm. d. R.) allerdings nicht. Im Anschluss daran ist dann auch schon Schluss, keine Zugabe, kein Verlassen und Zurückkehren auf die Bühne. Nach den Verneigungen und dem Verteilen von Pleks und Drumsticks verlassen ANTHRAX die Bühne, Belladonna bleibt noch etwas länger und singt das über die Boxen ertönende „Long Live Rock’n’Roll“ noch kurz mit. Ein etwas magerer Ausklang, nicht aufgrund des legendären Songs, sondern einfach aufgrund der kurzen Spieldauer. ANTHTRAX haben knapp 80-85 Minuten ihren Thrash-Metal ins Publikum gefeuert. Die Setlist deckt sich mit ihren Festival-Shows, wegen denen die Band in Europa ist. Den Charakter einer Headliner-Show hat dieser Abend für mich leider Gottes nicht.

Auch wenn ich ein riesengroßer Fan der Band bin, bei diesen Ticketpreisen (> 40€) wird die Band ihrem Ruf nicht gerecht. Wie bereits bei MEGADETH in Luxemburg angeprangert kommt es mir mehr und mehr so vor, als würden sich die Bands gerne mit dem „Big 4“-Label schmücken, ihm letzten Endes dann aber nicht gerecht werden. Eventuell geht diese Annahme bereits zu weit und ich stecke zu tief im „Madhouse“, für mich war es jedenfalls eine zu kurze Spieldauer. Auch die Tatsache, dass Charlie Benante nicht hinter den Drums sitzt und das zuvor nicht nochmal extra angekündigt wurde, ist ein zusätzliches Ärgernis, was besonders die Schlagzeuger unter den Fans ärgern dürfte. Schließlich zählt „Charlie B. on the Drums!“ wie es Joey selbst gerne ausdrückt, zu ANTHRAX wie das Tomahawk zur Grundausstattung eines jeden Indianers.

Das wäre so gesehen eigentlich schon das einzig negative an diesem Abend, ansonsten haben ANTHRAX erneut unter Beweis gestellt, was für eine starke Live-Band sie sind. Auf die Kritik der vergangenen Jahre bezüglich der Setlist wurde reagiert, so wurde diese etwas umstrukturiert und das Set behielt ein paar Überraschungen bereit. Eine gute Sache, die ich als Fan dankend annehme, die neuen Songs haben sich überraschend gut eingepasst und die Band, auch wenn vermutlich 80% nur Angestellte sind, wirkte gut eingespielt und hatte offensichtlich Spaß auf der Bühne. Schlagzeuger John Dette lieferte einen 1A-Job ab und ließ Charlie nur mit einem weinenden Auge vermissen. John Donais fügt sich mittlerweile sehr gut ins Band-Bild und ist scheinbar in der ANTHRAX-Familie angekommen. Frank Bello rattert wie eh und je mit seinem Bass über die Bretter und strahlt die gleiche Spielfreude wie früher aus. Scott Ian, mit zunehmend grauen Bart, den er sich nicht mehr färbt, wirkt wie ein Urgestein und zählt für mich noch immer zu den meist unterschätzten Rhythmus-Gitarristen aller Zeiten. Was dieser Mann an Riffs aus dem Ärmel schüttelt, ist schlichtweg fantastisch und einzigartig. Und was macht eigentlich Joey Belladonna da auf der Bühne? Es ist einfach unfassbar, wie gut sich dieser Mann gehalten hat. Sowohl optisch als auch gesanglich hat er nichts von den Achtzigern verloren. Viel zu selten wird er dafür meiner Meinung nach gelobt, hinzu kommt seine unglaubliche Ausstrahlung auf der Bühne. Der Mann steht keine Sekunde ruhig und interagiert ununterbrochen mit dem Publikum. Dabei hat er sichtlich Spaß, grinst durchgehend und verschenkt sogar Drumsticks von John Dette und Pleks von Scott Ian. Das alles macht er zu den Zeiten, wo andere Frontmänner kurz hinter der Bühne verschwinden und auftanken z. B. bei Instrumental-Parts. Doch nicht Joey, der bleibt auf der Bühne und sorgt für gute Laune.

Bis auf die kurze Spieldauer und den hohen Ticketpreis ein sehr gelungener Abend. Ich würde das Konzert gerne als großartig betiteln, doch die Spieldauer verbietet mir das einfach. Ich hoffe wirklich, dass ANTHRAX dieses Phänomen nicht beibehalten und beim nächsten Mal wieder der Bezeichnung „Headliner-Show“ gerecht werden. Scheinbar hatten dies viele Fans bereits vermutet und blieben daher zuhause, denn ausverkauft war das Konzert an diesem Abend nicht. Wenn auch gut gefüllt war noch deutlich Platz vorhanden. Und bei aller Kritik, ANTHRAX sind und bleiben live immer ein Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Ich hoffe darauf, dass ich es irgendwann noch erleben darf, dass Scott Ian die magischen Worte spricht: „This is our first song on our first album and it’s called The Deathrider!“ An diesem Abend hätte mich das jedoch Kopf und Kragen und mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Kreislaufkollaps gekostet. (Pascal)

Anthrax Anthrax

Setlist ANTHRAX:
Intro
Among The Living
Caught In A Mosh
Madhouse
Fight 'Em 'Til You Can't
Breathing Lightning
N.F.L.
Intro To Reality
Belly Of The Beast
Medusa
March Of The S.O.D.
Blood Eagle Wings
Be All End All
Antisocial
Indians

(Fotos: Klaus)


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