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live 20171101 00 moonspellManchmal muss man im Leben einfach Glück haben. Und dieses Mal haben wir Glück. Unser Portugalurlaub ist schon lange gebucht, als die Tourdaten von MOONSPELL bekannt gegeben werden. Eine der drei Special-Album-Releaseshows findet dabei in Porto, nur eine Autostunde von unserer Unterkunft entfernt, statt. Da muss man noch nicht mal überlegen, ob man da hingeht. Den Tag nutzen wir, um uns Porto anzusehen, wobei wir feststellen, dass heute nicht nur MOONSPELL in der Stadt sind, sondern auch RB Leipzig gegen FC Porto spielt und die Stadt deshalb voll ist von Menschen in komischen Klamotten, die eine noch komischere Sprache sprechen. Irgendwie verstörend, wenn man in einer portugiesischen Stadt unterwegs ist und deutlich mehr Deutsch als Portugiesisch hört.

Fast pünktlich zum Einlassbeginn finden wir uns vor dem Hard Club ein, der sich in der historischen Markthalle Mercado Ferreira Borges befindet. Der Einlass hat natürlich noch nicht begonnen, was irgendwie typisch südländlisch ist. Unser Reiseführer behauptet, die Portugiesen seien die Preußen des Südens und als wüssten sie das, wird artig in einer langen Schlange angestanden. An der schlendert irgendwann Miguel Gaspar, Drummer von MOONSPELL, vorbei und begrüßt jeden Anstehenden mit Handschlag und wünscht einen schönen Abend.

Doch der lässt erst mal auf sich warten. Denn obwohl der Einlass dann um 20:45 doch mal beginnt, dauert es noch über eine Stunde, bis MOONSPELL endlich auf die Bühne kommen. Und das ist dann immer noch eine halbe Stunde früher als ursprünglich angekündigt. Aber egal. Sobald die ersten Töne erklingen, ist die elende Wartezeit vergessen und alle Hände im nahezu ausverkauften Hard Club gehen nach oben. Der erste Teil des Auftritts besteht aus dem kompletten Album “1755”, das übermorgen erscheinen wird. Bei “1755” handelt es sich um ein Konzeptalbum, das das große Erdebeben von Lissabon am 01. November 1755 thematisiert. Wie passend, dass das Album heute, am 262. Jahrestag des Unglücks, vorgestellt wird! Und irgendwie seltsam, dass man die Tour nicht so gedreht hat, dass man am Jahrestag auch tatsächlich in Lissabon auftritt (denn dort spielte man an den beiden vorangegangenen Tagen).

Eröffnet werden Album und Auftritt mit der orchestralen Version von „Em Nome Do Medo“. Begleitet wird die Band dabei von den beiden Backgroundsängerinnen Carmen Sousa und Sílvia Guerreiro, die den ganzen Auftritt über einen tollen Job machen. Fernando Ribeiro lebt mal wieder sein Faible für Masken aus und trägt beim ersten Song eine Rabenmaske, wie sie auch schon im Video zu „In Tremor Dei“ zu sehen ist. Zu Beginn von „1755“ zeigt sich, dass dann doch noch nicht alles zu 100% sitzt und die Band muss den Song ein zweites Mal anfangen. Aber Shit happens. Bei „In Tremor Dei“, zu dem bereits ein sehenswertes Video veröffentlicht wurde, erhält man Unterstützung durch den Fado-Künstler Paulo Bragança, der bei dem Song auch schon auf dem Album zu hören ist. Dieser kommt auch tatsächlich nur für diesen einen Song auf die Bühne, ein Luxus, den man sich aber schon mal leisten kann, wenn das Prädikat „Special-Album-Releasshow“ drauf steht. Und live finde ich Paulo Bragança tatsächlich noch besser als auf dem Album.

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Bei „Evento“ passiert der nächste kleine Lapsus. Auch dieser Song muss nach einem Fehler von Gitarrist Ricardo Amorim, jetzt neu mit kurzen Haaren, noch einmal begonnen werden. Aber diese kleinen Fehler machen die Band einfach nur noch sympathischer. Die Fans stört es sowieso nicht. Frenetisch wird jeder Song bejubelt, die ersten Reihen singen jede Zeile der Songs mit, und das, obwohl das Album erst seit wenigen Tagen zum Stream bereitsteht und außer auf den Konzerten noch gar nicht erhältlich ist. Respekt.

Fernando Ribeiro packt zu „Todos Os Santos“ das Laserkreuz des Todes aus, das den Ingenieur und deutschen Perfektionisten in mir leise weinen lässt. Aber Südländer stören sich nicht an solchen Details. Auch die Laterne, die er im Nachtwächterkostüm zu „Lanterna Dos Afogados“ trägt, lässt den Ingenieur in mir kurz zusammenzucken, aber was soll’s, letztendlich kommt es ja auf die Musik an. Und die ist großartig! Der Sound im Hard Club dürfte für meinen Geschmack einen Ticken besser sein, aber insgesamt bieten MOONSPELL hier ganz großes Kino. Natürlich kommen die orchestralen Parts vom Band, aber die Chöre sind live und auch die beiden Backgroundsängerinnen passen ihr Aussehen immer mal wieder an die Thematik des jeweiligen Songs an. „1755“ kommt bei den Portugiesen hervorragend an, und das, obwohl viele der Anwesenden die Songs wohl zum ersten Mal überhaupt gehört haben. Da können sich die meisten Konzerte in Deutschland ein fette Scheibe in Sachen Stimmung abschneiden.

Teil 1 des Auftritts geht damit zu Ende und die Band verlässt zunächst die Bühne. Aber es gibt ja auch noch den umfangreichen Zugabenblock, der vor allem aus Songs der frühen Jahre besteht. Und wer dachte, die Portugiesen seien bei den „1755“-Songs schon ausgelassen gewesen, der wird jetzt eines Besseren belehrt. Es gibt wohl keine Sekunde, in der auch nur die Hälfte der Arme im Saal unten sind. Das Publikum feiert MOONSPELL ab, als gäbe es kein Morgen. Die ballern Hits wie „Opium“, „Awake“, „Alma Mater“ und „Fullmoon Madness“ raus, lautstark unterstützt vom Publikum. Man merkt schon einen deutlichen Unterschied zum restlichen Konzert, aber diese Songs kennt eben jeder in- und auswendig. Warum man sich allerdings entschieden hat, statt einem weiteren Song „Em Nome Do Medo“ noch einmal in seiner ursprünglichen Form zu spielen – man muss nicht alles verstehen. Ich persönlich hätte da lieber noch einen anderen Song gehört, der an dem Abend noch nicht gespielt wurde.

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Trotz knapp 2 Stunden Spielzeit geht das Konzert viel zu schnell zu Ende. Man hat das Gefühl, dass es doch eigentlich gerade erst begonnen hat. Gerne hätten wir alle noch mehr gehört. MOONSPELL haben bewiesen, dass „1755“ nicht nur auf Platte, sondern auch live funktioniert und haben noch einmal unterstrichen, was für eine fantastische Liveband sie sind. Das Konzert in Porto war eines der Konzerthighlights des Jahres und ich freue mich jetzt schon auf die Tour mit CRADLE OF FILTH im Februar, auch wenn MOONSPELL da leider nur Vorband sind. Schade nur, dass mein Portugiesisch so rudimentär und schlecht ist, dass ich keine der vielen Ansagen von Fernando Ribeiro verstanden habe, denn die waren sicher auch sehr interessant.

Nach dem Konzert demonstrieren die Portugiesen dann noch einmal, dass der Reiseführer doch Recht hat. Die Preußen des Südens stehen geordnet in Reih und Glied in einer langen Schlange vorm Merchstand an. Da bin ich einerseits froh, dass ich meine Einkäufe schon vor dem Konzert erledigt habe, und andererseits tief beeindruckt. Das habe ich wirklich noch nie im Leben gesehen, dass vor dem Merchstand keine wüste Traube entsteht. Respekt. (Anne)

Setlist MOONSPELL:
Em Nome Do Medo
1755
In Tremor Dei
Desastre
Abanão
Evento
1 De Novembro
Ruínas
Todos Os Santos
Lanterna Dos Afogados
-------------------------------
Opium
Awake!
Night Eternal
Em Nome Do Medo
Vampiria
Alma Mater
Full Moon Madness


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